Offener Brief an die Vorstände der deutschen geowissenschaftlichen Vereinigungen

Wer heute das Studium der Geologie, Paläontologie, Mineralogie oder Geophysik aufnimmt, immatrikuliert sich meist in einen Studiengang, der den Titel Geowissenschaften trägt. Seit die geowissenschaftlichen Studiengänge in den neunziger Jahren an nahezu allen deutschen Universitäten reformiert wurden, hat in der Folge auch eine Änderung in der Selbstwahrnehmung der Studenten stattgefunden, die traditionellen Gräben, die zwischen den einzelnen Disziplinen existierten, werden mehr und mehr eingeebnet. Heutige Absolventen identifizieren sich mehr denn je mit dem Begriff Geowissenschaftler. Dieser Trend ist nicht nur in der Ausbildung zu verzeichnen, auch in der Forschung wird mehr und mehr Interdisziplinarität verlangt.

National erschwert die Vielfalt der geowissenschaftlichen Vereinigungen die Übersicht und Zuordnung für den Nachwuchs. In der Folge sind viele Studenten schlecht über deutsche Vereinigungen informiert, finden ihre wissenschaftliche Heimat in internationalen Organisationen wie EGU, AGU oder GSA und suchen national höchstens noch die Vereinigung mit den meisten Vorteilen. Auf der Bundesfachschaftstagung vom 8.–11.11.2012 an der Freien Universität Berlin wurde diese Thematik in einem Workshop und im anschließenden Plenum diskutiert. An der Veranstaltung nahmen 150 Vertreter von 20 nationalen Universitäten teil. Mit deutlicher Mehrheit empfand es die Studierendenschaft als begrüßenswert und lange überfällig, dass ein gemeinsamer Wissenschaftsdachverband der Geowissenschaften eingerichtet wird. Dabei wurde allerdings großer Wert darauf gelegt, dass dieser Dachverband nicht unsichtbar als übergeordnetes Gremium agiert, sondern die persönliche Mitgliedschaft ermöglicht. Gestützt wird diese Forderung durch folgende Argumente:

  1. Die Mitgliedschaft in einem Geowissenschaftlichen Dachverband macht Mehrfachmitgliedschaften und einen Wechsel zwischen den Vereinigungen überflüssig.
  2. Fachschaften und Dozenten können diesen Verband sehr viel besser bewerben und somit Studenten der Geowissenschaften effektiv eine gemeinsame Heimat schaffen und die Identifikation mit dem Fach erleichtern.
  3. Gemeinsame Tagungen und eine breitere Auswahl an Publikationen, wie bei internationalen Verbänden längst üblich, erleichtern den Überblick über die Vielfalt des Faches und die intensivere Auseinandersetzung mit fremden Themengebieten.
  4. Themen, wie Forschungsförderung, Öffentlichkeitsarbeit zu geowissenschaftlichen Themen, Lehre und Nachwuchsförderung, können mit gebündelten Kräften viel effektiver gestaltet werden.
  5. Die Kommunikation unter Studentengruppen und zwischen Studenten und Wissenschaftlern verschiedener Institute sowie aller Gruppen mit dem Verband könnte mit einer gemeinsamen Plattform auf ein ganz neues Niveau gehoben werden.

Dabei ist nicht gefordert, dass die bestehenden Strukturen komplett aufgelöst werden, auch wir sehen einen Bedarf für Fachgruppen, die wie in anderen Dachverbänden als Sektionen geführt werden.

Der Wunsch nach besserer Zusammenarbeit und effektiverer Nachwuchsförderung wird in den letzten Jahren immer deutlicher und funktioniert auf studentischer Ebene immer besser, wie das breite Programm der eigenständig organisierten BuFaTa zeigt. Leider wird dieses Bemühen nur sehr begrenzt gefördert, weshalb sich an einigen Universitäten in den letzten Jahren Student Chapter internationaler Vereinigungen etabliert haben, die ein Vakuum füllen, das deutsche Vereinigungen in der Nachwuchsförderung hinterlassen haben.

Wir wünschen uns, dass deutsche Vereinigungen den Handlungsbedarf erkennen und die Nachwuchsförderung nicht nur in der Präambel der Satzung stehen haben, sondern auch aktiv betreiben.

Wir wünschen uns eine starke Lobby, die es ermöglicht, im Kontakt mit den Mitgliedern lösungsorientiert neue Wege einzuschlagen, und bitten nachdrücklich darum, auch den Nachwuchs in die Strukturdiskussion der Organisation der Geowissenschaften in Deutschland aktiv mit einzubeziehen, um die Nachhaltigkeit der neu zu schaffenden Struktur zu stärken. Auf der Bundesfachschaftstagung im Wintersemester 2012 an der Freien Universität Berlin im Plenum mehrheitlich beschlossen von Vertretern der Fachschaften der geowissenschaftlichen Studiengänge:

  • RWTH Aachen
  • Freie Universität Berlin
  • Ruhr-Universität Bochum
  • Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
  • Universität Bremen
  • Technische Universität Darmstadt
  • Technische Universität Dresden
  • Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Technische Universität Bergakademie Freiberg
  • Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
  • Georg-August-Universität Göttingen
  • Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
  • Universität Hamburg
  • Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
  • Universität zu Köln
  • Ludwig-Maximilians-Universität München
  • Westfälische Wilhelms-Universität Münster
  • Universität Potsdam
  • Eberhard-Karls-Universität Tübingen